Der Sinn für Zeit ist bei den Umbrern Teil ihres Gemüts,
ein Gefühl der innersten Zugehörigkeit zur Vergangenheit
und der tiefen Zuneigung zum eigenen Land, das von Generation
zu Generation weitergegeben wurde.
Nicht umsonst gibt es so viele Regionalmuseen, die netzartig
verteilt sind und von denen jedes einzelne das erzählt
und behandelt, was die lokale Gemeinde in Jahrtausenden
produziert und bewahrt hat. Jede territoriale Einheit unterstreicht
die eigenen Erinnerungen und Traditionen im Rahmen eines
integrierten Systems, das ein Gesamtbild der Kunst- und
Kulturgeschichte der Region vermitteln soll.
Weit mehr als die Hälfte der Gemeinden Umbriens besitzt
ein eigenes Museum, in dem nicht selten wahre Meisterwerke
zu bewundern sind. An diese wesentliche Tatsache knüpft
eine anderes nicht minder bedeutendes Faktum an, nämlich
die Häufigkeit der modernen und zeitgenössischen
Kunstsammlungen, von denen einige aus Schenkungen großer
Künstler bestehen, die tief mit ihrem Gastland verbunden
sind, wie zum Beispiel die Sammlung in Orvieto von Emilio
Greco, und von systematischen Sammlungen umbrischer Meister
wie die Stiftung Alberto Burri in Città di Castello.
Diese Sammlung ist ein sehr gutes Beispiel für den
gekonnten Entwurf und die geschickte Ausstattung der Expositionsräumlichkeiten,
die oft richtige Museen in einem Museum sind. Perspektivische
Räume und lichterfüllte umbrische Landschaften
sind die Charakteristik der Gemälde des peruginischen
Künstlers Gerardo Dottori, dem Meister des Futurismus;
Protagonist des Expressionismus hingegen der Mitte des 20.
Jh. war der aus Spoleto stammende Bildhauer Leoncillo, der
seine Kunst in einer Fabrik von Deruta auch auf die Keramik
übertrug.
Die zeitgenössische Kunst hat die Museumsbehälter
verlassen, um in der Nähe von Torgiano ins Freie zu
treten, wo die Straßen von Brufa eine Kulisse für
elf Skulpturen italienischer Künstler geworden sind.
Punta Navaccia am Trasimenischen See hat Pietro Cascella
in eine Bühne für Bildhauerkompositionen aus Sandstein
verwandelt. In Perugia, sind die metaphysischen Architekturen,
die Aldo Rossi für das Verwaltungsviertel Fontivegge
entworfen hat, ein Symbol der zeitgenössischen Stadt,
die strategisch am Fuße des alten Stadtkerns geplant
wurde.
Zurück in die Geschichte.
"Ich könnte nie in die Stadt kommen, ohne hinaufzugehen",
schrieb 1462 Papst Pius II Piccolomini auf der Reise in
die umbrischen Lande. In der Tat liegen die Städte
oft auf Anhöhen, dort, wo sie einst die antiken Umbrer
und Etrusker errichtet hatten. Der Tiber bildete die natürliche
Grenze und teilte das Territorium: Perugia und Orvieto,
rechts des Flusses, waren etruskisch, Citta di Castello,
Gubbio, Todi, Assisi, Spello, Gualdo Tadino, Terni unterstanden
den Umbrern.
Dieses Volk hat uns wertvolle Zeugnisse, wie die Eugubinischen
Tafeln, hinterlassen, die im Palazzo dei Consoli von Gubbio
aufbewahrt werden.
Unter den zahlreichen Dokumenten der etruskischen Kultur
sind die Nekropolen des Crocifisso del Tufo in Orvieto ein
außergewöhnliches Beispiel für Bebauungspläne
der Antike.Die Römer machen die ländlichen Gebiete
urbar, kolonisieren, entsumpfen und bauen Straßen.
Die Via Flaminia wird zur Hauptkommunikationsachse und Angelpunkt
der neuen Siedlungen in der Ebene: Carsulae, zum Beispiel,
wurde im 3.Jh.v.Chr. gegründet und ist uns bis heute
in Anlage und Infrastruktur erhalten geblieben.
Region der Türme und Burgen.
Der Übergang von der Spätantike zum Mittelalter
findet in der Architektur bruchlos statt. Dies beweisen
zwei Sakralbauten origineller Form, der Clitunno-Tempel,
der mit schmucklosem Material nach dem Schema eines heidnischen
Tempels gebaut wurde und die Basilika S. Salvatore von
Spoleto mit ihrer wunderschönen Fassade, bei der Elemente
eines römischen Tempels verwendet wurden. Das 5. und
6. Jahrhundert waren für Umbrien sehr harte Zeiten.
Schon nach dem Durchzug der Westgoten unter Alarich (vermutlich
409) hatte für die umbrischen Städte eine lange
Epoche der Erschütterungen begonnen. Aber die achtzehn
Jahre des griechisch-gotischen Krieges (535-553) richtete
die Region, die Hauptschauplatz der Ereignisse war, ziemlich
übel zu. Nachdem die Goten besiegt waren, ließen
sich die Byzantiner in den umbrischen Städten nieder.
Aber bald danach folgte eine erneute Barbareninvasion durch
die Langobarden in Mittelitalien, die den Zerfall Umbriens in zwei Gebiete zur Folge hatte: ein Gebiet, das die römische
Kultur überlebt hatte und ein Gebiet der germanischen
Siedlungen.
Die Langobarden gründeten zwischen 574 und 575 das
mächtige Herzogtum von Spoleto, und änderten das
politische Gleichgewicht sowie die territoriale Ordnung Umbriens. In jenen Jahrhunderten der Instabilität und
Angst vor erneuten Konflikten, wurden die ländlichen
Gebiete verlassen und die Städte verarmten, während
sich ein dichtes Netz von Burgen und befestigten Höhensiedlungen
entwickelte.
Die Langobarden gründeten zwischen 574 und 575 das
mächtige Herzogtum von Spoleto, und änderten das
politische Gleichgewicht sowie die territoriale Ordnung Umbriens. In jenen Jahrhunderten der Instabilität und
Angst vor erneuten Konflikten, wurden die ländlichen
Gebiete verlassen und die Städte verarmten, während
sich ein dichtes Netz von Burgen und befestigten Höhensiedlungen
entwickelte.
Glaubens- und Kulturzentren.
Die gesamte Region erschien voller Türme und Festungen,
die zur Verteidigung und Kontrolle, aber auch als Vorposten
für die Urbarmachungen dienten. Neben den Militärstrukturen
vervollständigen Abteien, Klöstern und Pfarrkirchen
das dichte mittelalterliche Siedlungsgefüge. Als Orte
der Meditation und des Gebetes, aber immer häufiger
wahre politische und wirtschaftliche Machtzentren werden
die religiösen Siedlungen auch zum Mittelpunkt der
kulturellen und künstlerischen Erneuerung.Die Valnerina
(Nera-Tal) ist ein emblematisches Zeugnis für diese
Entwicklung; sie war ein befestigtes Gebiet wie nur wenige
ihresgleichen und wurde so zur Wiege des westlichen Mönchtums
dank des Heiligen Benedikt von Norcia, und füllte sich
mit verschiedenen Einsiedeleien.Aus der Benediktinerabtei
S. Eutizio bei Piedivalle stammt eines der ältesten
Dokumenten (10.Jh.) in Vulgärsprache und hier entwickelte
sich auch eine der renommiertesten Chirurgieschulen jener
Zeit. Beeindruckender ist noch der Besuch der Benediktinerabtei
S. Pietro in Valle, die unweit von Ferentillo um 720 auf
Wunsch von Faroald II, Herzog von Spoleto, gegründet
wurde. Der Hochaltar ist ein seltenes und kostbares Zeugnis
langobardischer Kunst, während der Freskenzyklus des
Kirchenschiffs als einer der ältesten und größten
Monumente italienischer Malerei der Romanik angesehen wird.
Formen und Meisterwerke des Mittelalters.
Mit dem 11. und 12. Jahrhundert beginnt die städtische
Wiedergeburt mit neuen Siedlungen in den zuvor verlassenen
Gebieten und der demografischen und ökonomischen Revitalisierung
der bereits existierenden Zentren.
Umbrien konnte so seine Rolle als Hauptkreuzungspunkt des
Verkehrs und der Kultur behaupten, während die große
Epoche der autonomen Kommunen eingeleitet wurde. Marktflecken
und Städte nehmen die Form und Struktur an, die sie
auch noch heute bewahrt haben.
Perugia verlässt den antiken Stadtkern auf dem Gipfel
des Hügels und beginnt, sich zum Tal hin auszubreiten;
Assisi und Gubbio entfalten sich effektvoll auf den Terrassierungen;
Montefalco, Trevi und Corciano erweitern ihre Struktur ringförmig
und werden zu typischen Siedlungsmodellen des heutigen Umbriens.
Innerhalb der Stadtmauern werden Kirchen und Paläste
renoviert. In Spoleto wird der Dom wiedererrichtet, den
Barbarossa zerstört hatte, und mit einem wunderschönen
geschnitzten Portal versehen. In Bevagna, entsteht die Basilika
S. Silvestro, ein Juwel umbrischer Romanik, eingebettet
in das unvergleichliche Szenarium des Hauptplatzes. In Narni
wird der Dom S. Giovenale gebaut, eine höchst interessante
Schichtstruktur verschiedener Epochen und Kulte. In Assisi
werden die Arbeiten am Dom S. Rufino wieder aufgenommen,
dessen Fassade zu den Meisterwerken der romanischen Architektur
zählt. Die wunderschöne Kirche von S. Felice di
Narco berichtet in der Symbolik des Dekorfrieses von den
Mühen der Benediktiner, die Lande urbar machten und
Menschen bekehrten.
Die
Macht des Glaubens.
Die grundlegende Erneuerung des mittelalterlichen Lebens
in Umbrien betrifft auch den religiösen Bereich, vor
allem nach der römischen und mystischen Erfahrung des
Franz von Assisi. 1228, zwei Jahre nach dem Tod des Heiligen,
werden die Arbeiten an der Basilika von Assisi begonnen,
ein außergewöhnlicher Schmelztiegel der Glaubenslehren,
Architektur und Malerei internationaler Prägung. Diese
Kirche sollte ein Modell für viele andere Bauten in
und außerhalb Umbriens sein, während die Fresken
von Cimabue, Giotto, Pietro Lorenzetti, und Simone Martini
die Basiskunstwerke der folgenden Jahrhunderte werden. Wenige
Jahrzehnte danach soll die herrliche Gotikfassade des Domes
von Orvieto, die an ein romanisches Bauwerk angebracht wurde,
das nach Meinung einiger Experten von Arnolfo di Cambio
entworfen worden sein soll, mit diesem unvergleichlichen
Meisterwerk den endgültigen Übergang zum neuen
Stil bewirkt haben.
Das Auftreten der Franziskaner und anderer Bettelorden in
den Städten und auf dem Land macht eine Veränderung
der Stadtstrukturen notwendig, um die großen Klostersiedlungen
aufnehmen zu können.