TurinTurin.
Einen “melting pot” gibt es nicht nur
jenseits des Atlantischen Ozeans. Turin hat in seiner
zweitausendjährigen Geschichte wirklich nie
Phasen des Stillstandes gehabt. Als politisches
Labor, als Stadt der im Sozialen engagierten Heiligen,
sowie italienische Wiege von Film, Radio und Fernsehen
fühlt sich die Stadt von Schriftstellern und
Malern und heutzutage von Filmemachern und Deejays
dirigiert. „Multikulti“ aus Überzeugung
wird Turin heute als Tourismusziel wieder entdeckt,
ein Ziel sowohl für an Bildung, an Leckerbissen
oder an Jugendkultur interessierten Reisenden, die
sich aufteilen zwischen Savoyerresidenzen, historischen
Kaffees, Schokoladengeschäften, Restaurants,
Kunstgalerien und Modelokalen am Po-Ufer der Murazzi
oder im “römischen Viereck”, dem
alten historischen Stadtkern, der inzwischen restauriert,
tagsüber zur Besichtigung seiner Häuserfassaden
und nachts zur Teilnahme am bewegten Turiner Nachtleben
aufgesucht wird.
Warum Turin einen Besuch abstatten?
Weil es eine sich ganz in urbanem Umbruch befindende
Stadt ist, die sich bald in neuem Gewand zeigt dank
der zukunftsweisenden Olympiastadien und der modernen
Infrastruktur, mit denen die Stadt sich aufmacht,
die große „Familie“ der Teilnehmer
und Besucher der Zwanzigsten Olympischen Winterspiele
Turin 2006 zu empfangen. Mit der neuen U-Bahn zählt
die Stadt dann ganz zu den modernen europäischen
Städten.
Weil es Turin mit seiner ihm eigenen zweiten Haut
als Industriestadt geschafft hat, neuen technologischen
Ansprüchen zu entsprechen und zu einem der
wichtigsten Zentren im Bereich Informatik, Kommunikation
und Technologie zu werden. Weil es mit seinen architektonischen
und künstlerischen Bauwerken Geschichten aus
alten Zeiten erzählt, wie die Porte Palatine
(die Palatintore) aus römischer Zeit, mit Barockgebäuden
und Kirchen aus der Savoyerzeit, aus dem neunzehnten
Jahrhundert, in dem Turin Hauptstadt des italienischen
Königreichs war, bis hin zu den fünfziger
Jahren und ihren Fabriken. Weil es sich in den letzten
Jahren zu einer wichtigen internationalen Hauptstadt
des kulinarischen Geschmacks gewandelt hat. „Heimatort”
des Vermouth, der Grissini (Brotstäbchen) und
weltberühmter Schokolade. Weil es ein großes
Einkaufszentrum ist: zu den Geschäften der
Innenstadt müssen ungefähr 50 nicht überdachte
Märkte und 18 Kilometer Arkaden, die den Rahmen
für die Geschäfte der wichtigsten Plätze
und Straßen der Stadt bilden, gezählt
werden. Weil es der Geburtsort des Kinos ist und
diese Stadt dieser siebten aller Künste eines
ihrer interessantesten Museen gewidmet hat, das
auch noch ausgerechnet in der Mole Antonelliana,
dem Wahrzeichen der Stadt untergebracht ist. Und
mit dem Kino verbunden ist die Stadt auch als bevorzugter
Drehort für wichtige Fernseh- und Filmproduktionen.
Weil wie bereits Le Corbusier gesagt hat, “Turin
die Stadt mit der schönsten landschaftlichen
Lage ist“. Einer seiner Vorzüge ist denn
auch sein vielfältiger “Naturreichtum”:
16 Millionen Parks und Grünflächen, 400
Kilometer baumbestandene Alleen, mehr als 60.000
Pflanzen, 17 Parks, 70 Kilometer Grünstreifen
entlang der vier städtischen Flüsse (der
Po, die Dora Riparia, die Stura und der Sangone).Weil
es eine bezaubernde Stadt ist, aristokratisch, literarisch,
magisch und schön.
Weil wie es ein junger Schriftsteller aus Sizilien
ausgedrückt hat: “Turin ist Turin. Und
es ist mit keiner anderen Stadt vergleichbar”.
Die
Geschichte.
Die ersten Spuren der Siedlung zu Füßen
der Alpen am Ufer des Flusses Po gehen auf das Jahr
218 vor Chr. zurück, als Hannibal das Dorf der
Taurini belagerte und zerstörte, das wegen ihrer
Verehrung des Stieres – Symbol des Gottes Api
– Taurasia genannt wurde. In den Chroniken erscheint
der kleine Ort erneut im Jahre 29 vor Chr. mit dem
Namen Augusta Taurinorum: eine von Augustus gegründete
Kolonie mit schachbrettartiger Anlage, lang zurückliegender
Ursprung der heutigen Straßenanlage der Stadt,
die vollständig aus parallel und rechtwinklig
verlaufenden Straßen besteht.
Durch langobardische Invasionen,
den Durchzug Karls des Großen und Jahre als
freie Stadt gelangte Turin 1280 definitiv in die Hände
der Savoyer, die hier 1563 ihre Hauptstadt einrichteten.
Es entwickelte sich die Stadt, die wir kennen: Carlo
Emanuele I. ruft den Architekten Ascanio Vitozzi an
den Hof, dem die Piazza Castello zu verdanken ist,
Christina von Frankreich engagiert Amedeo di Castellamonte,
den Palazzo Ducale (heute Palazzo Reale) zu erbauen,
Carlo Emanuele II. lässt Guarino Guarini die
Kapelle für das Grabtuch entwerfen und Vittorio
Emanuele II. gelingt es, den Architekten Filippo Juvarra
zu verpflichten, bei dem er die Basilica di Superga
und das Jagdschlösschen Stupinigi in Auftrag
gibt.
Mit der Thronbesteigung von Vittorio
Emanuele II. wird die Geschichte von Turin eins mit
der Geschichte der Gründung eines Italienischen
Staates. Es sind die Jahre der Staatsmänner Massimo
d'Azeglio und Camillo Benso Graf von Cavour, dem wahren
Urheber der Verkündung des Königreichs Italien
1861, dessen Parlament sich am 18. Februar desselben
Jahres im Palazzo Carignano konstituiert.
Nachdem die Hauptstadt 1864 nach
Florenz verlegt wurde, verlagert sich das pulsierende
Herz der Stadt gegen Ende des Jahrhunderts von der
Politik zur metallverarbeitenden Industrie. 1889 wird
das Gebäude vollendet, das zum Wahrzeichen der
Stadt werden sollte: die Mole, ein Entwurf des Architekten
Alessandro Antonelli. 1895 wird die Tageszeitung "La
Stampa" gegründet. 1899 gründet der
dreiunddreißigjährige Giovanni Agnelli
das Unternehmen Fiat, Fabbrica Italiana Automobili
Torino. 1908 wird Italia Film eröffnet, die Produktionsfirma
von Giovanni Pastrone, der 1914 den Film "Cabiria"
nach Texten von Gabriele d'Annunzio dreht. Antonio
Gramsci lebt in den zwanziger Jahren in der Stadt,
publiziert und leitet Arbeiterdemonstrationen, 1929
– mitten in der internationalen Wirtschaftskrise
– erblickt der Fiat Balilla und später
der Topolino hier das Licht der Welt.
Aus dem zweiten Weltkrieg geht
Turin mit einer Zerstörung von 40% der Gebäude
hervor, aber mit einem neuen Geist und neuen Bewohnern.
Nun folgt der Bevölkerungsboom: Aus Süditalien,
dem sog. Mezzogiorno, kommen ganze Familien, um
in Italiens industrieller Hauptstadt zu arbeiten.
Aber die Stadt verbindet das Nützliche mit
dem Schönen: 1959 wird die Galerie für
moderne Kunst von den Architekten Bassi und Boschetti
erbaut, der Architekt Albertini entwirft ein neues
Gebäude für das Automobilmuseum, für
die Ausstellung zur Jahrhundertfeier der Staatsgründung
“Italia ’61” werden der Palazzo
del Lavoro (von Pier Luigi Nervi) und der Palazzo
a Vela (Architekt Rigotti, Ingenieur Esquillan)
errichtet. In den gleichen Jahren wirkt auch der
Meister der modernen Architektur in Turin, Carlo
Mollino. Er ist der “Vater” von Auditorium
RAI, Handelskammer und Teatro Regio.