Turin
(Torino).
Man muss schon bis ins Jahr 1000 zurückgehen,
wenn man auf Spuren der Pilger stoßen will,
die sich von Norden kommend, aufgemacht haben, um
Stätten der Christenheit wie Rom, Santiago
di Compostela und Jerusalem zu besuchen. Die Frommen
auf dem Weg nach Rom kamen über die “französische”
Straße, d. h. sie betraten italienisches Territorium
vom Aosta-Tal aus, um ihren Weg durch das Canavese-Gebiet
oder das Susa-Tal fortzusetzen, wo man noch heute
wichtige Spuren, die diese Pilger hinterlassen haben,
vorfindet.
Das Susa-Tal, großes Skigebiet der hiesigen
Alpen, erst kürzlich aus Anlass der Zwanzigsten
Olympischen Winterspiele mit modernsten Sportanlagen
ausgestattet, ist aufgrund wichtiger historischer
Bauwerke und seines Kulturgutes auch in den anderen
Jahreszeiten einen Ausflug wert. Von Turin kommend
wird die Zufahrt zum Tal von der Sacra di San Michele
überragt, ein tausendjähriges Kloster,
das auf der Spitze des Berges Pirchiriano errichtet
und zum Wahrzeichen Piemonts geworden ist. Wichtig
sind außerdem der gotisch-romanische Komplex
von Sant’Antonio di Ranverso und das Kloster
Novalesa, das eine der wichtigsten religiösen
und kulturellen Institutionen des Mittelalters darstellt
und von dem gesagt wird, das es für das Kloster
in Umberto Ecos Der Name der Rose Pate gestanden
hat. Und es ist sind die Talengen von Susa, die
Karl der Große bei seinem Einmarsch in italienisches
Gebiet bezwingt und hier den Langobardenherrscher
Desiderius besiegt, wie Alessandro Manzoni in seiner
berühmten Tragödie Adelchi erzählt.
Die Landschaft des Canavese-Gebiets, die von der
25 Kilometer langen Serra von Ivrea, dem längsten
und eindrucksvollsten Moränengebirge Europas
überragt wird, bietet mit ihren Schlössern,
Türmen und mittelalterlichen Burgen, die über
fünf wunderschönen Alpenseen thronen,
ein ganz eigenes Szenarium.
Berühmt ist der Karneval “der roten Türme”
von Ivrea, in dem keine Karnevalskostüme eine
Rolle spielen, sondern Symbolfiguren eines Freiheitskampfes
und der in der jedermann zugänglichen abschließenden
“Orangenschlacht“ seinen Höhepunkt
findet.
Zu den die Hauptstadt Piemonts umgebenden Tälern
gehört auch das Lanzo-Tal mit seinen Wäldern
und Naturparks. Es gilt als „magisches Tal“,
weil hier nach einer mittelalterlichen Legende die
Steinbrücke über den Fluss Stura vom Teufel
in Person in einer einzigen Nacht erbaut worden
ist. Als Gegenleistung hatte der Teufel die Seele
des ersten Lebewesens, das die Brücke überquert,
gefordert. Ein einfacher Bergbewohner vereitelte
jedoch die List des Teufels, indem er als erstes
Wesen eine Ziege über die Brücke schickte.
Weitere Täler sind das Pellice-Tal, Gebiet
der Waldenser, in dem man in der Umgebung von Prali
an Führungen durch die historischen Talkgesteinsminen
teilnehmen kann und das von der Festung von Finestrelle
überragte Chisone-Tal. Diese Burg ist die größte
in Europa existierende Festungsanlage und erstreckt
sich auf dem Kamm des Monte Orsiera bei einen Höhenunterschied
von 1130 bis zu 1763 Metern Höhe über
eine Länge von drei Kilometern. Sie ist ein
architektonisch komplexes Bauwerk, das auch noch
in heutiger Zeit beeindruckt.