Das kulturelle System im Piemont besteht aus einem breiten
Angebot von Kunststätten, Museen, Schlössern und
Wallfahrtsorten. Um ihre Funktionalität und Zugänglichkeit
zu verbessern, wurde ein umfangreicher Maßnahmenplan
für die Sanierung im Zeitraum 2000-2006 mit einer Bereitstellung
von insgesamt ca. 500 Millionen Euro aus EU-Fonds, Staat,
Region, Provinz, Bankstiftungen und Gemeinden umgesetzt.
In den letzten Jahren wurde das Engagement für die
Restauration und den Erhalt der 17 Savoyerresidenzen intensiviert,
die vor kurzem von der Unesco als “Weltkulturerbe
der Menschheit” anerkannt wurden: Dazu gehören
Palazzo Reale, Palazzo Madama, das Jagdschlösschen
Stupinigi, Villa della Regina, die Residenz Pollenzo, zukünftiger
Sitz der Universität der gastronomischen Wissenschaften,
und allen voran das Schloss Reggia di Venaria Reale, das
die imposanteste Restaurationsmaßnahme in ganz Europa
darstellt.
Zu all diesen Baudenkmälern kommt ein vielfältiges
Museumsangebot auf hohem künstlerischen Niveau: Fast
130 Museen gibt es in der Provinz Turin, dazu über
200 Museen im Rest der Region. Zu den wichtigsten gehören
das Ägyptische Museum, das Filmmuseum in der Mole Antonelliana
in Turin und das Museum für moderne und zeitgenössische
Kunst im Schloss Rivoli, einer anderen Perle der Savoyerresidenzen.
In der Kultur wird an der Umwidmung großer Monumente
der Industriegeschichte, der Erweiterung der Universitätszentren
und im Bereich Kunst, Kino, Theater und Kulturveranstaltungen
an der urbanistischen Requalifizierung der Altstädte
und der Randgebiete gearbeitet.
Von großer Bedeutung ist der Umbau stillgelegter
Fabriken in Zentren für zeitgenössische Kunst
und Kultur. Beispiele dafür sind die Pinakothek Agnelli
im Lingotto in Turin, die Stiftung Sandretto Re Rebaudengo
in Turin und die Stiftung Pistoletto in Biella.
Zeitgenössische Kunst.
Kreativität und Unternehmertum sind zwei grundlegende
Eigenschaften der piemontesischen Identität. Zwei fest
verwurzelte Aspekte, die Geschick und Geschichte des Piemonts geprägt haben und dabei in dynamischem Gleichgewicht
abwechselnd im Vordergrund standen. Nachdem in den letzten
zwei Jahrhunderten die Industrie die Hauptrolle spielte,
entwickelt sich in den vergangenen Jahrzehnten die zeitgenössische
Kunst zum wichtigsten Antriebs- und Energiepol der Region.
Das Piemont hat sich nach und nach zu einer internationalen
Hochburg für zeitgenössische Kunst gemausert und
dabei ein vielschichtiges Gefüge aus öffentlichen
und privaten Einrichtungen, Sammlungen und Stiftungen, Museen
und Galerien, Events und Veranstaltungen entwickelt.
Aktualität ist hier verknüpft mit außergewöhnlichen
Geschichten, von den übersprudelnden Entwürfen
der Futuristen bis zu Felice Casorati, von der Situationistischen
Internationalen Pinot Gallizios bis zur Bewegung der Arte
Povera, vom Studium der Food-Art bis zur Gründung im
Jahr 1863 der Galleria Civica d'Arte Moderna e Contemporanea
(GAM - öffentliche Galerie für moderne und zeitgenössische
Kunst). Heute ist die GAM ein Museum, das sowohl die moderne,
als auch die zeitgenössische Kunst beherbergt und über
einen reichen Bestand an Werken piemontesischer Künstler
verfügt, die inzwischen als "historisch"
gelten, außerdem über die Arbeiten vieler aufstrebender
Jungkünstler sowie eine Videothek mit einem bedeutenden
Archiv.
Der andere offizielle Kunstmagnet ist das Schloss von Rivoli;
diese ehemalige Residenz des savoyischen Herrscherhauses
wurde 1984 als Museum für zeitgenössische Kunst
neu eröffnet und ist Teil eines internationalen Kunstkreises
mit den Werken der ständigen Sammlung und den Ausstellungen
zu den Strömungen und Hauptakteuren der globalen Szene.
Wie eine Werkstatt in ständigem Wandel war das Piemont in den letzten Jahren Entstehungsort einer Reihe von Größen,
die ein ganzes System zeitgenössischer Kunst geschaffen
haben: durch die Verknüpfung von Innovation und Tradition,
durch die gemeinsame Arbeit an einem einzigen Interaktionsprojekt.
Michelangelo Pistoletto kehrte nach Biella zurück,
um dort seine Kunststadt-Stiftung Pistoletto aufzubauen:
ein archäologisches Industrieareal wird so verwandelt
in einen Ort des Austausches und der Berührung zwischen
künstlerischen Ausdrucksformen, Politik und sozialem
Engagement.
Patrizia Sandretto Re Rebaudengo konstruierte ihre Stiftung
wie ein Observatorium der momentanen Kunst, mit Ausstellungen
und Begegnungen aber auch Werkstätten für junge
Leute.
Der Turiner November ist dagegen inzwischen eine feste
Größe im Terminplan der internationalen Kunstszene
mit einem Veranstaltungskarussell, dessen Dreh- und Angelpunkt
die auf zeitgenössische Kunst spezialisierte Messe
Artissima darstellt: mit der Präsenz von 180 Galerien
aus allen Kontinenten und der Einschaltung der berühmten
Lichtinstallationen "Luci d'Artista" in den Straßen
und Plätzen der Stadt, die durch die leuchtenden Werke
berühmter Künstler verzaubert wird - übrigens
eine Erfolgsidee, das auch viele andere Großstädte
übernommen haben. Rings umher zahllose Galerien, Vereinigungen
und alternative Freiräume, die eine lockere, grenzgängerische
Annäherung an die neuen Wege der Kunst bieten. Außerdem
laufen derzeit die Vorbereitungen für die dritte "Biennale
Internazionale dei Giovani artisti" (BIG), also die
Internationale Biennale für junge Künstler; diese
Veranstaltung ist eine der vielen Initiativen, die die piemontesische
Regionsverwaltung fördert, um junge Kreativität
als wertvolle Energie der Zukunft zu unterstützen.
Ein weiteres Beispiel ist das inzwischen schon historische
Event "Nuove Proposte" ("Neue Ansätze").
Volljährig ist mittlerweile auch die Photographie-Biennale,
die von der italienischen Stiftung für Photographie
ausgerichtet wird, während der Palazzo Bricherasio
und der Palazzo Cavour die gelungene Verbindung von historischem
Hintergrund und zeitgenössischer Kunst demonstrieren.
Auch das Umfeld von Turin ist Schauplatz einer wachsenden
Zahl neuartiger Initiativen: vom Kapuzinerkloster in Caraglio
bis zum Macam in Maglione, einem Freiluftmuseum an den Wänden
der Häuser. Außerdem die Gipsothek Davide Calandra
und der "Meno Trenta"-Preis ("Unter Dreißig")
in Savigliano, die Gipsothek von Leonardo Bistolfi in Casale
Monferrato, das Pellizza-Atelier in Volpedo, dem bei Alessandria
liegenden Geburtsort des Erschaffers von "Der vierte
Staat". Doch im Grund genommen ist jeder Teil dieser
Gegend so wie jeder Monat des Kalenders besondere Aufmerksamkeit
wert.