Chieti.
Die Provinz Chieti, die den grössten südlichen
Teil der Region umfasst, wird irn Norden vom Fluss
Pescara, im Süden vom Trigno, der sie vom Molise
trennt, und im Westen von mächtigen Bergen abgegrenzt.
Unter ihnen hebt sich das weithin sichtbare Maiella-Massiv
beherrschend hervor und ist auch heute noch der "Symbolberg"-
wie Silone schreibt - für alle Bewohner der Abruzzen,
was vielleicht auf seine runde, schutzversprechende
Form zurückzuführen ist, die D'Annunzio
zum Vergleich mit der Mutterbrust anregte. Einige
Kilometer entfernt, umfasst der zu Chieti gehörende
Küstenstreifen, von Francavilla al Mare bis San
Salvo, über die Hälfte der gesamten abruzzesischen
Küste und stellt damit ein weiteres, wichtiges
Kennzeichen dieser Region dar. Der Fremdenverkehr
hat sich heute hauptsächlich entlang der Küstengebiete
sehr stark entwickelt; aus grundlegenden geschichtlichen
Untersuchungen jedoch wissen wir, dass sich entlang
der Adriaküsten seit jeher ein intensiver Verkehr
abwickelte -weit entfernt von der Vorstellung des
mythischen, fabelreichen, geheimnisvollen und unzugänglichen
Abruzzen -. Nicht durch Zufall gibt es in dieser Provinz
alte und bedeutende Küstenorte, wie Francavilla,
Ortona und Vasto; nicht zufällig kamen einer
Handelsstadt wie Lanciano Reichtum und Ruhm zu, und
zwar vor allem dank der Schiffe, die aus Venedig,
Apulien, Ragusa und der dalmatinischen Küste,
aus Albanien und Griechenland kommend, hier anlegten.
Zwischen Meer und Bergen breitet sich ein weites Hügelland
aus, mit Weinbergen und Olivenhainen bebaut, das ein
nicht geringes Gebiet der Provinz ausmacht. Hier liegen
bedeutende Zentren wie Chieti, Lanciano, Guardiagrele,
Atessa, Casoli und zahlreiche Orte, die oft hoch oben
auf den Hügeln, in grünen Tälern eingebettet
oder auch in der Nähe der Flüsse errichtet
wurden. Wie in der übrigen Region, so haben auch
hier stolze und starke Völkerstämme zahlreiche
Spuren einer ruhmvollen Vergangenheit hinterlassen:
von den italischen Tempeln von Schiavi d'Abruzzo,
zu dem antiken Juvanum, bis zu den Überresten
des Teate Marrucinorum, dem heutigen Chieti.
Das sind nur einige der auffälligsten
Beispiele einer auch heute noch lebendigen Vergangenheit
und deren Merkmale sich auch oftmals in der Struktur
einiger Städte erkennen lassen; jedenfalls kann
man wertvolle Zeugnisse jener Zeiten im "Gabinetto
Archeologico" von Vasto oder im "Museo Archeologico
Nazionale d'Abruzzo" in Chieti bewundern.
Die besonders schönen Städtenamen, wie Fara
Filiorum Petri oder Fara San Martino hingegen verraten
langobardischen Ursprung; Spuren normannischer Einflüsse
lassen sich in,einigen Besonderheiten der dreifachen
Apsis von San Giovanni in Venere erkennen, einer gewaltigen
Zisterzienserabtei, die sich auf einem olivenbewachsenen
Vorgebirge steíl über dem Meer erhebt.
Dieses herrliche Bauwerk stellt sicherlich jedoch
nicht das einzige Denkmal mittelalterlicher Kunst
dar, die in dieser Provinz, wie auch in den übrigen
Abruzzen, romanische Züge elegant und massvoll
mit gotischen zu schmelzen verstand. In den inneren
Landesteilen fand häufiger der Stein, in Meeresnähe
hingegen der Backstein Verwendung. Überall entstanden
Kathedralen, Kirchen, Klöster und Einsiedeleien.
Es gibt auch zahlreiche Schlösser, die mit ihren
befestigten Mauern und Türmen heute vielleicht
romantisch erscheinen mögen, die aber ihrer Architektur
wegen sehr wertvoll sind. Durch die beunruhigenden
Zeugen einer stürmischen Vergangenheit lassen
sich auch zum Teil, die noch heute bestehenden ausgeprägten
Unterschiede zwischen benachbarten Ortschaften erklären.
Diese Unterschiede machen sich in den verschiedenen
Dialekten und Volksfesten deutlich. Diese kurzen Beschreibungen
können natürlich nicht vollständig
den Merkmalen und Attraktionen der ganzen Provinz
gerecht werden. Deshalb verlassen wir uns eher auf
die Bilder, die dem Leser veranschaulichen sollen,
dass diese Landschaft Natur, Kunst, Folklore, Gastronomie
und Handwerk in grosser Fülle zu bieten hat.
Und darüber hinaus gibt es noch warme menschliche
Kontakte, die man in den übefüllten, krankmachenden
Grosstädten kaum mehr findet.